Mit Rucksack pilgern auf dem Jakobsweg, Teil X: Erfahrungen vom Kap Finisterre nach Barcelona

Auf der letzten Etappe seines Pilgerweges stößt Herr Lentz – ausgestattet mit einem Wanderrucksack Tour Bag 50 – ans Ende der Welt und an seine eigenen Grenzen und kehrt nach unzähligen Abenteuern mit seinem Rucksack zurück nach Deutschland. Abschließend zieht er in seinem Erfahrungsbericht ein Jakobsweg Résumé.

Auf dem Weg zum Kap Finisterre

Am nächsten Morgen machen wir uns zu dritt auf den Weg zum Kap Finisterre, dem Ende der Welt. 01, Pilgerweg zum Kap Finisterre, Anfang Wir sind nur zu dritt: Carla, die sich mit einem einheimischen Fischer zusammen lebt und Rilger, ein pensionierter Lehrer, dessen Spitz- und Rufname „Rilger“ sich wie folgt zusammensetzt: „Rentner + Pilger = Rilger“.

Carla hat angeboten, uns einen anderen Weg zu führen, als die allgemeine Zufahrtsstraße. Es sind die letzten Kilometer bis zu dem wirklichen Ende des CAMINO de Santiago.

Tip: Alternativweg auf der Atlantikseite zum Leuchtturm wählen.

Der Weg führt zunächst wieder zu der Bucht, die ich gestern schon für den Sonnenuntergang besucht hatte.

Danach windet er sich aufwärts und wir wandern oben auf dem Höhenrücken dieser Halbinsel.Wir genießen immer abwechselnd den Ausblick hinüber zum spanischen Festland und dann wieder auf der anderen Seite die Felsenküste, an der sich die Brandung des Atlantiks bricht.

Unterwegs erzählt uns Carla von ihrem Leben mit dem spanischen Fischer und deren Lebenslage. In 2002 strandete der Öltanker „Prestige“ an der spanischen Felsenküste, in dessen Folge große Mengen Schweröl ausliefen und die Küste verseuchte. Tausende von freiwilligen Helfern reisten aus der ganzen Welt an, um die Strände zu säubern und die Vögel zu retten. Nur die einheimischen Fischer, die kamen nicht. Sie waren wie erstarrt, wie hypnotisiert im Schmerz über den Verlust ihrer Lebensgrundlagen. Der Fischfang ist nie mehr das geworden, was er war vor dem Schiffsunglück. Die Situation für die Menschen dort ist gekennzeichnet durch Perspektivlosigkeit und Depression. Und was machen die jungen Männer hier an der Küste, die keinerlei Aussicht haben mit ihrem geringen Fang über die Runden zu kommen ? Sie lassen sich operieren und haben dann Anspruch auf eine minimale Grundrente vom Staat. Rilger und ich sind beide fassungslos und können es kaum glauben, was wir da hören.

Oben auf dem Höhenrücken wechseln wir noch einmal die Richtung und wenden uns wieder der Ortschaft Fisterra zu.  Abseits des Hauptweges erreichen wir die Eremitenhöhle des Guillermo, der hier als Einsiedler gelebt hat.

Wir genießen den wunderschönen Blick auf Fisterra und die Atlantikbucht auf der anderen Seite.

6-6, Weg zum Kap Finisterre, Blick auf Fisterra

Nach einer Weile streben wir wieder unserem eigentlichen Ziel zu, dem Leuchtturm an der Spitze von Kap Finisterre.

8-4, Kap Finisterre, Leuchtturm

Es ist schon ein besonderer Moment, sich dem Ende zu nähern, einer schmalen Felsenzunge, hinter der es nicht mehr weitergeht, gekrönt von einem wuchtigen Leuchtturm. Hinter dem Leuchtturm gibt es nur noch einen Steilhang, der direkt bis ins Meer hinunterführt. Eine ganze Weile bleiben wir hier, bei strahlendem Sonnenschein und genießen einfach den Ort, den Blick auf das Meer nach drei Seiten hin, dazu die Menschen und einen Pilgerstiefel als Monument.

Es ist Mittwoch der 7. Oktober. 860 km und sechseinhalb Wochen liegen hinter mir. Dann machen wir uns auf den Rückweg, der nicht so schön, aber trotzdem immer an der Küste entlang verläuft.

Im Ort Fisterra suchen wir uns ein Restaurant, das auch über Mittag geöffnet hat. Während wir noch auf die Bedienung warten, bimmelt Rilgers Handy: die jungen Studenten, mit denen er sich hier in  Fisterra verabredet hatte, sind angekommen und wollen wissen, wo sie ihn treffen können. Und kurze Zeit später sind sie auch da. So können wir alle gemeinsam Pizza essen und uns kennenlernen: Lea und Lotte, sowie Felix aus Hannover. Alle vier schlafen in der gleichen Herberge, im gleichen Raum wie ich. Später hole ich mir noch in der kommunalen Herberge meine Pilgerurkunde für diesen Teil des CAMINO ab.

Den Abend verbringen wir dann getrennt, ich bummele noch ein wenig am dunklen Hafen entlang.

In der Nacht werde ich wach, weil es unruhig ist im Schlafraum. Im Halbschlaf kriege ich mit, dass da dauernd auf Klo gegangen wird. Erst am Morgen erfahre ich, dass Lotte und Felix sich einen handfesten Magen-Darm-Infekt eingefangen haben. Was tun? Alle drei treten heute ihre gebuchte Rückreise an, die Mädchen per Flieger, Felix mit dem Bus. Wie soll das nur gehen? Felix ist ganz apathisch, will sich nur irgendwo verkriechen.

Aber das geht doch nicht!  Also bewegen wir ihn mit viel Überredungskunst und sanftem Drängeln in Richtung Bus, der uns zurück nach Santiago bringen soll. Rilger will noch einen Tag länger in Finisterre bleiben. Eine ganze Zeit lang fährt der Bus uns entlang der Küste mit wunderschönem Blick auf die Felsenküste bevor er ins Inland abbiegt.

Mit Rucksack und Bus zurück nach Santiago

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir den Busbahnhof in Santiago. Jetzt kommt das nächste Problem: wie sollen Felix und Lotte in ihrem Zustand den ganzen Tag durchhalten bis zur Abfahrt / Abflug ?

Inzwischen habe ich einen Plan geschmiedet und mit meiner Zimmervermieterin in Santiago telefoniert: Ja, sie hat mein Zimmer für die Übernachtung noch frei und ja, ich kann gerne kommen.

Der Busbahnhof liegt weit außerhalb des Zentrums. Also brauchen wir erst mal ein Taxi ins Zentrum von Santiago. Ich flitze quer durch den ganzen ZOB (in meinem Alter!!) und finde ganz auf der anderen Seite ein Taxi und lotse das zu unserer Ausstiegshaltestelle, wo die anderen mit dem Gepäck warten. Die Taxifahrt dauert nicht lange und wenig später erreichen wir die Wohnung von Jaqueline, meiner Vermieterin. Nachdem ich meine zwei Übernachtungen im Voraus bezahlt habe, hat sie nichts dagegen, dass Felix und Lotte sich bei mir im Zimmer ausruhen, um für die lange, anstrengende Rückreise fit zu sein.

Also lasse ich die beiden in meinem Zimmer zurück und stürze mich wieder in das Touristengetümmel in der Altstadt. Souvenirs wollen besorgt werden und am Nachmittag steht für mich noch eine Führung über die Dächer der Kathedrale an.

 

Tip: Unbedingt eine Führung über die Dächer der Kathedrale machen – eine unvergessliche Jakobsweg Erfahrung!

Außerdem besichtige ich noch die Franziskanerkirche und das darin liegende Museum.

Tip: Franziskanerkirche und -museum. In der Kirche kann man sich auch noch, wenn man möchte, eine Pilgerurkunde ausstellen lassen.

Am nächsten Morgen verlasse ich rechtzeitig mein Zimmer in der Altstadt und wandere etwa eine halbe Stunde durch die Stadt zum Bahnhof. Wie gut, dass ich zeitig losgegangen bin, denn am Gleisaufgang zu meinem Zug wartet erst mal eine Gepäckkontrolle und -durchleuchtung auf alle Reisenden. Das braucht seine Zeit und der Zug wartet nicht.

 

Der Zug bringt mich gen Süden nach Ourense, wo ich dann nach Barcelona umsteigen muss. Dann führt die Strecke wieder nach Norden und von dort aus den ganzen Tag ab Ponferrada entlang meines Pilgerweges rückwärts mit Tempo 80. An wenigstens zwei Stellen sehe ich aus dem Zugfenster Pilger auf der Landstraße. Ein eigenartiges Gefühl ist das, die Strecke noch einmal entlang zu fahren, nur jetzt rückwärts. Erst in Pamplona biegt die Strecke endgültig nach Süden ab und der Zug beschleunigt auf über 120 km/h. Nach 15 Stunden erreiche ich endlich die Endstation Barcelona – Saints.

In Barcelona angekommen

Den nächsten Tag, einem Sonntag erobere ich die „Ramblas“, Barcelonas immer geschäftige Einkaufsmeile und das Seefahrtsmuseum, sowie am Abend noch den Park Güell, einen von dem berühmten Architekten Gaudi gestalteten Landschaftspark mit herrlichem Blick auf Barcelona.

Und dann, ganz am Ende der Reise schlägt das Schicksal doch noch einmal zu – so ganz ungeschoren soll ich nicht davongekommen. In der zweiten Nacht erreicht der Magen-Darm-Infekt von Fisterra auch mich. Die Besichtigung der Sagrada Familia am Montagmittag ist interessant, aber der Genuss hält sich deshalb in Grenzen.

Erschöpft liege ich dann wieder in meinem kleinen, trostlosen Hotelzimmer mit Blick auf einen schäbigen Lichtschacht.

Ich beschließe meine Reise hier und jetzt zu beenden und mir die Heimreise per Bahn zu ersparen. Dann liege ich auf meinem Bett, greife mir mein Handy und kann mir – dank meines WLAN-Anschlusses – vom Bett aus einen günstigen Flug nach Hamburg raussuchen und auch buchen.

17-3, Placa de Catalunya

Am kommenden Spätnachmittag ist meine Reise dann auf dem Flugplatz Hamburg – Fuhlsbüttel zu Ende.


Jakobsweg Erfahrungsbericht – Rückblick

Nun ist mehr als ein Jahr seit dieser Reise vergangen und jetzt erst schreibe ich den letzten Teil meines Berichtes fertig.

Was ist seitdem alles geschehen:

  • meine Rückkehr in die Schule,
  • die Zeugnis-Zeit mit vielen schriftlichen Beurteilungen im Frühsommer 2016 (dieser Bericht Nr. 10 steckte fast fertig im PC, nur die Auswahl der Fotos fehlte noch),
  • eine Reise in den Sommerferien zur Kathedrale von Chartres, und vor allem
  • mein Motorroller-Unfall Ende August mit zunächst dramatischen Folgen und dann drei Monaten Krankenhaus und Reha.

Ich blicke zurück mit großer Dankbarkeit auf den Weg, den CAMINO, den ich zurücklegen durfte, es war eine großes Erlebnis in meinem Leben.

Da waren unzählige Jakobsweg Erfahrungen:

  • die Überquerung der Pyrenäen in 2 Tagen bei strahlend blauem Himmel und eisigem Wind,
  • die interessanten Städte Pamplona, Burgos, Leon, Ponferrada und natürlich Santiago,
  • die einzigartige Kirche von Eunate zusammen mit der exklusiven Führung dort,
  • die wunderschönen und interessanten Landschaften der Meseta und der Abstieg aus den Galicischen Wäldern,
  • der Moment der „Inneren Einkehr“ in der schlichten Dorfkirche von O‘ Cebreiro,
  • die vielfältigen Begegnungen mit Menschen der unterschiedlichsten Art,

Aber auch die schweren Stunden:

  • meine verlorenen Sandalen,
  • meine riesengroße Blase,
  • meine zweitägige Wanderung im strömenden Regen auf dem Weg nach Finisterre, und nicht zuletzt:
  • meine Erkrankung in Barcelona, die mir sagen wollte: „Nun ist es genug ! Geh nach Hause und erfreue dich an dem, was du erreicht hast.“

Wenn ich aus der Rückschau diese Reise betrachte, so kann ich wohl ganz ernsthaft sagen:

Der Heilige Jakob hat seine Hand schützend über mich gehalten; für alles, was an Widrigkeiten sich in den Weg stellte, gab es letztendlich immer noch eine Lösung oder einen Ausweg.

Auch wenn ich oft allein war, so war ich doch nie allein…