Mit Rucksack pilgern auf dem Jakobsweg, Teil IX: Von Santiago de Compostela nach Fisterra

Finale Etappe: Der Weg nach Fisterra mit dem Kap Finisterre, dem so genannten „Ende der Welt“, als Ziel. Eine atemberaubende Küstenlandschaft und beeindruckende Klippen bilden den Abschluss des Jakobsweges.

Am nächsten Morgen, es ist Samstag, treffen wir (Guillermo aus San Diego und Paul aus Australien) uns zum Abschiedsfrühstück in meiner Stammbar ─ direkt dort, wo ich auch gewohnt habe. Während sich Guillermo in der Stadt noch umschauen will, geleitet mich Paul auf meinem Weg aus der Stadt heraus ─ eine freundschaftliche Geste unter Pilgern halt. An einem kleinen Bachübergang ist dann Schluss – schnell noch ein gegenseitiges Erinnerungsfoto sowie Verabschiedung und dann bin ich endgültig alleine. Hinter mir im Dunst sind noch lange die Türme von Santiago gut zu erkennen.

Sehr schnell erkenne ich für mich, dass es genau die richtige Entscheidung war, diesen Weg nach Finisterre zu gehen ─ es sind nur sehr wenige Menschen unterwegs. Wenn in den Statistiken sich die Pilger auf dem Camino Frances nach Zehntausenden bemessen, dann sind nach Finisterre insgesamt nur einige hundert Pilger unterwegs. Es wird ein wunderschöner Wandertag für mich. Blumenreiche Gärten, kleine Dörfer am Wegrand, abwechslungsreiche Kulturlandschaft und ein originelles Herbergsschild.

Ein besonderer Höhepunkt ist der Flussübergang über den Tambre auf der 150 Meter langen Ponte Maceira. Wie ich feststelle bin ich nicht der einzige, der diesen Flussübergang und das Dorf für so fotogen hält…

Kurz vor Negreira erreiche ich die kleine, neu eröffnete Herberge „Anjana“. Die Herbergswirtin sitzt im kleinen Vorhof und wartet offensichtlich auf Übernachtungsgäste. Ein kleiner freundlicher Wortwechsel über den Zaun hinweg und der anschließende Rundgang durch die Räume überzeugt mich, dass ich hier wahrscheinlich ein gutes Quartier haben werde. Ich finde eine modern und gut eingerichtete Herberge vor.

→ Tipp: Herberge „Anjana“ in Chancela, kurz vor Negreira auf der rechten Seite.

Weil es abends schon kühler wird, heizt die Hospitalera den Ofen an, was meiner Wäsche zum Trocknen außerordentlich gut gefällt. Einige Zeit später kehren noch einige wenige Pilger hier ein. Die meisten wandern jedoch die 500 Meter weiter nach Negreira. Es entwickelt sich ein netter Gesprächskontakt zu der Herbergswirtin, in dessen Folge sie mir die Verantwortung für den Ofen am Morgen überträgt. Außerdem stellt sie uns einen Frühstückssnack bereit und Heißgetränke, die wir nur aufgießen müssen. Für das warme Abendessen muss ich mich dann doch in die City von Negreira stürzen, die Suche nach einem geöffneten Restaurant gestaltet sich bei Dunkelheit etwas mühsam. Aber satt werde ich schließlich auch.

Ich kehre erst relativ spät wieder in die Herberge zurück und die meisten Pilger in meinem Raum schlafen schon. Am Nachmittag war noch ein fülliger spanischer Pilger mit dicken Brillengläsern angekommen. Dieser schläft bereits und lässt mit seinem Schnarchen die Fensterscheiben klirren… Ich höre mir das eine Weile an und wälze mich in meinem Schlafsack. Dann packe ich leise meine Wert- und Schlafsachen und verziehe mich in einen benachbarten Schlafraum, der offen, aber nicht belegt ist.

Der Blick aus der Tür am nächsten Morgen zeigt mir genau das, was zu erwarten war: kein Nieselregen, kein Landregen, sondern starker Dauerregen ─ stundenlang. Ich hab’s ja gewusst! Ich bereite mir ein kleines Frühstück aus den vorbereiteten Dingen zu und versuche meinen Rucksackponcho startklar zu machen. Es ist schon nach 08:00 Uhr, als ich mich mit einem Ruck in das nasse Abenteuer stürze. Die Wegebezeichnung durch Negreira ist gut zu finden. Aber am Ortsausgang kommt mir der Spanier  mit den dicken Brillengläsern gestikulierend entgegen. Ganz offensichtlich hat er irgendwo den Weg verloren, was bei solchem Wetter nun wirklich keine Freude macht. Also passe ich wie ein Luchs auf. Und richtig ─ da gibt es einen Fahrweg hoch in den Wald. Mein Bauchgefühl sagt mir: das könnte was sein. Mein Pilgerführerbuch gibt nichts Erhellendes von sich, aber mein Handy-GPS schickt mich in den Wald. Nach 50 Metern finde ich einen verblassten gelben Pfeil und oben im Wald an einer Mauer auch wieder das blau-gelbe Muschelsymbol, das mich jetzt die meiste Zeit begleiten wird. Der Weg versinkt im Schlamm und schließlich im Wasser. Auszuweichen ist völlig sinnlos, das Wasser ist überall auf dem Weg und einen trockenen Umweg zu suchen bringt gar nichts! Etwa zwei Stunden bleiben meine Schuhe trocken, dann spüre ich, wie das Wasser steigt und im Schuh quatscht…

Auf dieser Strecke heute bin ich total alleine. Da erinnere ich mich, dass ich per Handy einen Auftrag zum Verse schmieden bekommen habe: eine Kollegin, die zu Hause den Arbeitsbereich wechselt, soll mit ein paar lustigen Versen verabschiedet werden. Vorschlag: ein kleines schwäbisches Spaßlied („das Dorfschulmeisterlein“ … und darauf Verse dichten). Und während ich durch den strömenden Regen in Westgalicien stapfe – einsam unterm Regenponcho, auf den der Regen prasselt –  lasse ich meine Verse sprudeln. Nur muss ich sie dann mittags oder abends noch aufschreiben, damit sie mir nicht verloren gehen.

In Vilaserio mache ich Mittagsrast in einer größeren Restaurant/Bar. Hier bemerke ich, dass ich doch nicht so alleine unterwegs bin. Am Nachbartisch macht sich gerade eine kleine junge Schweizer Familie abreisefertig mit zwei Kindern zwischen 9 und 12 Jahren ─ mit Fahrrädern, bereits auf dem Rückweg von Finisterre. Respekt!

Bei der zweiten Tageshälfte führt der Pilgerweg zum Teil über freie Flächen und jetzt kommen zum Dauerregen von vorne auch noch sehr unangenehme kräftige Windstöße von der Seite. Mehrfach muss ich aufpassen, dass ich nicht vom Seitenwind auf die Fahrbahn geweht werde oder auf der anderen Seite den Hang abwärts. Mein Durchhaltewille wird auf eine sehr harte Probe gestellt. Als ich an einem Abhang aus dem Wald heraustrete, höre ich von weitem her Donnergrollen. Das hat mir nun gerade noch gefehlt! Vor mir sind irgendwelche Pilger, das Grummeln kommt zügig näher. Ich versuche mich an den Pilgern vor mir zu orientieren, aber plötzlich sind sie verschwunden. Aber glücklicherweise wird auch das Grummeln leiser… Mitten in einem extra starken Regenschauer erreiche ich einen großen dreieckigen Dorfplatz ─ menschenleer. Am Kopfende gibt es ein gelb-blaues Pilgerzeichen. Aber bitte, wie ist das jetzt gemeint? Wohin geht der Weg: dorthin wohin die Strahlen weisen, oder dorthin, wo die Strahlen zusammenlaufen? Ich bleibe ratlos stehen und weiß nicht mehr weiter. In diesem Moment öffnet sich direkt vor mir eine Haustür unter einem Vordach. Eine Frau erscheint und weist energisch mit dem Regenschirm nach links.  Und das war dann auch die richtige Richtung ─ ich bin erleichtert. Mich hier im strömenden Regen auf diesen kleinen Sträßchen zu verlaufen, das wäre nun wahrlich keine schöne Variante.

Nach meiner Kalkulation ist Santa Mariña ein guter Ort, um über Nacht zu bleiben. Bei zwei Herbergen im Ort fällt die Auswahl nicht schwer. Die Herberge meiner Wahl liegt an einer großen Durchgangsstraße, die aber nur wenig befahren ist. Die Frau des Hauses zeigt mir die Schlafräume in einem kleinen Steinhaus direkt nebenan. In dem Haus dort ist es völlig kalt und ungeheizt, es existiert nur ein Wäschetrockenplatz unter dem Vordach. Bei der Luftfeuchtigkeit brauche ich mir übers Wäschetrocknen da keine Gedanken zu machen… Es dauert eine lange Zeit, bis ich auf meine drängenden Nachfragen endlich Zeitungspapier zum Ausstopfen der quatschnassen Wanderstiefel bekomme. Ein warmer Ofenplatz ist im ganzen Haus nicht zu bekommen. Der Hotelier schickt mich zum Bäcker nebenan, aber eigentlich sollte er doch am besten wissen, dass dort geschlossen ist. Also setze ich mich in der großen Restauranthalle ganz an die Seite, um meine Stiefel zu versorgen. Aber das kommt nun gar nicht gut an. In sehr unfreundlichem Ton weist mich der Hotelier darauf hin, das das hier ein Hotelrestaurant ist und er sowas hier nicht sehen will. Hotelrestaurant mag ja sein… aber außer mir und drei anderen Gästen, die offensichtlich auch Pilger sind, ist niemand in der großen Hotelhalle zu sehen. Ich sitze mit den Stiefeln bescheiden ganz an der Seite, bin dann glücklicherweise auch bald fertig. Das warme Abendmenü wiederum ist dann in Ordnung.

→ Tipp: Wanderer, kommst du da nach Santa Mariña, so versuche es mit der anderen Herberge „Casa Pepe“!

In der kleinen Herberge im Nebengebäude wird es richtig voll und ein Gast muss sogar auf dem Sofa schlafen – zum Preis von 10 Euro!

Der nächste Tag beginnt genauso, wie der vorhergehende geendet hat: grau mit Dauerregen. Unter den Pilgern, die hier übernachtet haben, zeichnen sich unterschiedliche Strategien ab:

  • Das junge Pärchen aus Tschechien ist auf der Suche nach einem Taxi, dass sie hier herausholt,
  • der großgewachsene Texaner Ted hofft auf Wetterbesserung, wenn er noch zwei Stunden zuwartet, und ich…
  • … ich laufe einfach los!

Der erste Teil des Tages verläuft ähnlich, wie gestern: Kulturlandschaft, zwischendurch etwas Wald und einzelne Dörfer. Meistens führt der Weg über kleinere Nebenstraßen. In irgendeinem kleinen Dorf vor einer Bar holt Ted, der Texaner, mich ein und die nächsten Kilometer wandern wir gemeinsam. Wir haben uns so viel zu erzählen, dass wir wohl die Abzweigung von der Landstraße verpasst haben. Plötzlich hält ein Auto neben uns. Der Fahrer erklärt uns auf Englisch, dass wir zwei Kilometer wieder zurück müssten, um auf den CAMINO zu kommen. Das stellt sich als richtig heraus – ohne diesen aufmerksamen Autofahrer hätten wir wohl einen großen Umweg machen müssen.

Eine großartige Landschaft tut sich vor uns auf: kahle Berge, verhältnismäßig abschüssige Abhänge über und unter uns. Und Wasser! Die Flüsse rauschen nur so und aus den Hängen strömt das Wasser nur so hervor. Die Brücke über den Fluss ist nicht umsonst auf grandios stabilen Betonpfeilern gebaut. Überwältigt schreibe ich am Abend nach Hause: Dies ist nicht Schottland! Dies ist nicht Norwegen! Dies hier sind die galicischen Berge!

Der Regen hat sich in einen etwas leichteren Landregen verwandelt ─ beim Wandern bemerke ich ihn fast nicht mehr. Am frühen Nachmittag erreichen wir Logoso. Die kleine Herberge mit gemütlicher Bar gleich am Ortsanfang lädt ein sich erst mal aufzuwärmen und zu stärken. Die Hospitalera macht einen sehr netten und engagierten Eindruck: der Ofen im Herbergsbereich bullert schon und meine verschwitzte Wäsche wird komplett gewaschen zum Sonderpreis. Da fällt mir die Entscheidung nicht schwer, hier zu bleiben – während Ted tatsächlich noch die nächsten 16 Kilometer bis nach Cees wandern will. Ich bin nicht der Erste, der seine Stiefel im Untergeschoss an den Ofen stellt. Dreimal insgesamt muss ich das durchgefeuchtete Zeitungspapier austauschen, bis die Stiefel wieder einigermaßen von innen getrocknet sind. Am nächsten Morgen regnet es immer noch leicht, aber ich mache mich unermüdlich auf den Weg. Nach wenigen Kilometern erreiche ich einen mondänen Info-Pavillon mitten in der Landschaft, der aber natürlich geschlossen ist. Später höre ich, dass der angeblich immer geschlossen sei. Ein kleines Stück weiter teilt sich der Weg: halbrechts geht die Straße Richtung Muxia (sprich: Muschia), links geht es Richtung Kap Finisterre. Eine Mitpilgerin macht ein Foto von mir und dann geht es weiter.

Der Weg führt jetzt abseits der Straße über einsame Waldwege. Am späten Vormittag erreiche ich eine kleine idyllisch gelegene Eremitage.

Wenn das Wetter etwas schöner gewesen wäre, dann wäre ich hier sicherlich gerne länger geblieben. Aber so setze ich mich auf eine kleine Steinmauer, verzehre einen kleinen Imbiss und wandere weiter. Je weiter ich jetzt komme, umso geringer wird der Regen.

Dann plötzlich erkenne ich von Ferne her den Atlantischen Ozean. Nach wenigen Kilometern liegt mir die Bucht der kleinen Hafenstadt Cees zu Füßen. Ein steiniger abschüssiger Weg führt nach unten. Und ─ oh Wunder ─ über mir lichten sich die Wolken und ein strahlend blauer Himmel wird sichtbar… ich kann es kaum glauben nach diesen letzten Regentagen!

Ich steige nach Cees hinunter, umrunde die Bucht direkt am Wasser und nicht durchs Stadtzentrum.

In einer Bar, in der ich mir ein Bocadilla hole erfahre ich zu meiner großen Freude, dass es auch weiterhin keinen Regen mehr geben wird.

Es ist für mich ein besonderer Moment, als ich zu meinem letzten Abschnitt starte in Richtung auf die Ortschaft Fisterra und das Kap Finisterre.

Der Weg führt um zwei große Buchten herum. Fasziniert beobachte ich das Auflaufen der Brandung, mit einer besseren Kamera würden dabei sicher noch wesentlich schönere Bilder entstehen…

Die Bucht auf Fisterra zu, verläuft erst als Höhenweg, dann zieht er sich endlos auf einem gepflasterten Weg entlang.

Meine Füße schmerzen heftig, als ich endlich gegen Spätnachmittag den Ort Fisterra erreiche und zurückblicken kann. 31 Kilometer bin ich heute gelaufen, und das spüre ich schon sehr in meinen Knochen und Gelenken.

Als Herberge habe ich mir die, von einer Ungarin geführte, Herberge „Por Fin“ ausgesucht. Es ist eine nette, saubere Herberge mit persönlicher Atmosphäre.

→ Tipp: Ungarische Herberge „Por Fin“.

Die Herberge ist gut belegt, aber trotzdem bekomme ich noch ein Unterbett. Ich lerne eine Deutsche namens Carla kennen, die dort seit längerer Zeit lebt, weil sie mit einem dort ansässigen Fischer zusammen ist. Sie rät mir, den abendlichen Sonnenuntergang an der Westküste zu besuchen, weil er dort am schönsten ist, so ab 19.45 Uhr. Also mache ich mich zur angegebenen Zeit auf den Weg. Ich bin dort längst nicht der einzige und es gibt eine wunderschöne Stimmung zusammen mit der Brandung des Atlantiks, die in breiten Streifen in die Felsenbucht hereinrollt. Langsam versinkt die Sonne und taucht die Wolken in ein goldfarbenes Licht.

Am nächsten Tag bietet Carla an, mich und einen pensionierten, deutschen Lehrer auf dem ursprünglichen Weg oben über den Felsenkamm zum Leuchtturm zu führen ─ nun also wirklich bis ans Ende der Welt; dort wo auch der CAMINO tatsächlich endet.