Rentour durch Skandinavien

Nach seiner Trekking Tour im Nationalpark Dovrefjell, bei der unser Naturfotograf Bernd Strempel Polarfüchse ablichtete, verschlägt es ihn nun abermals nach Skandinavien. In Norwegen und Schweden fotografiert er Rentiere, wovon ihn auch das wechselhafte Wetter nicht abhält – im Gegenteil, es macht die Bilder sogar noch beeindruckender. Bei seinem Abenteuer im Norden Europas schützt ihn unser Leichtzelt Trek Santiago vor Regen und Wind. 

Zurück nach Norden – der Rentiere wegen

Die Motive im Norden Europas sind für Naturfotografen so vielfältig, dass man nie nach Hause kommt und sagen könnte, man habe alles gesehen oder womöglich fotografiert, was man sich zuvor vorgenommen hat. So geht es auch mir. Wann immer ich nach Norwegen und Schweden fahre, entdecke ich Motive, von denen ich sage: Dafür musst du nochmals zurückkommen. Oder ich sehe Aufnahmen anderer Nordlandreisender, die mich auf Ideen für eigene Touren bringen.

Im Herbst 2014 war ich mit der Absicht nach Norwegen gefahren, im Dovrefjell Polarfüchse zu fotografieren. Ich bin dann auch an meine Bilder gekommen und war sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Doch kaum zu Hause, dachte ich, dass ich da noch mal hin muss. Zum einen könnte ich  ja versuchen, nochmal ein paar gute oder bessere Fotos der Füchse zu machen. Zum anderen war es so, dass an verschiedenen Stellen immer wieder die Wichtigkeit des Gebiets für die letzten Bestände des wilden Rentiers herausgestellt wurde. Rentiere, auch wilde, hatte ich schon wiederholt fotografiert und doch war es verlockend, dieses Motiv noch einmal anzugehen.

Also fuhr ich wieder Richtung Oppdal, in die Mitte des Landes.

Anreise ─ (fast) wie immer

Anders als bei den vorherigen Touren, nahm ich diesmal aber den Wohnwagen mit. Ich hatte etwas mehr Zeit als üblich eingeplant und wollte nicht so ortsgebunden wie in den Vorjahren sein. Dass dies möglich war, war den sehr günstigen Fährpreisen der Stena Line zu verdanken. Auf der Route von Kiel nach Göteborg war die Passage mit dem Wohnwagen hinten dran billiger als auf der Route nach Oslo ohne diesen. Das Mehr an Kilometern auf der Straße nahm ich billigend in Kauf. Sparte ich mir doch so die Kosten für ein Ferienhaus und war zudem flexibel in der Wahl des Standorts.

Die Überfahrt mit der Stena Line kann man getrost unter das Motto setzen: Fährfahrten müssen keine Kreuzfahrten sein. Ruhig, beschaulich, erholsam. Dazu komfortabel und mit allem, was man für einen Tag benötigt. Kabinen mit Dusche und WC sind obligatorisch. Ebenso wie die kulinarischen Angebote mit Buffet- oder À-la-carte-Restaurant.

Leider war absehbar, dass das Wetter in diesem Jahr nicht so stabil sein würde wie in den Vorjahren. In Kiel fuhr ich im Herbstgrau ab, und schon am Abend fuhr die Stena Scandinavica ins erste Tiefdruckgebiet. Auch der nächste Morgen verhieß Wolken und Regen. Beim Anlauf von Göteborg durchfuhren wir die ersten kräftigen Schauer, welche aus einer dramatischen Wolkendecke auf uns niedergingen.

Auch unterwegs blieb das Wetter wechselhaft. Ich entschied mich daher für die schnelle Strecke über die E6 Richtung Trondheim. Die landschaftlichen Eindrücke auf der Parallelstrecke beim Rondane wären bei diesem Wetter ohnehin untergegangen. Nach 8 Stunden Fahrt war ich dann am Ziel des Vorjahres angekommen. Auch diesmal hatte ich mich auf dem Campingplatz Magalaupe in Engan einquartiert ─ wissend, dass ich hier die besten Ansprechpartner haben würde, falls ich Hilfe bräuchte.

Wieder im Fjell

Schon am nächsten Morgen machte ich mich auf in den Nationalpark. Weniger, um bereits nach Rentieren zu suchen, als vielmehr, um die Landschaft zu fotografieren. Dort oben waren die ersten Schauer in Schnee übergegangen und nachts hatte es Frost gegeben. Kleinere Gewässer froren bereits zu. Morgens zogen weiterhin Wolken durch, doch es blieb trocken. Nur leichter Schneegriesel fiel auf mich nieder.

Die ersten Tiere, die mir vor die Linse liefen, waren keine Rentiere, sondern Moschusochsen. Die wuchtigen Tiere sind so etwas wie die Wahrzeichen des Dovrefjells. Sie lebten hier bereits seit der letzten Eiszeit, wurden aber  schon von den Wikingern ausgerottet. In den 30er- und 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts siedelte man sie dann wieder an. Derzeit leben durchschnittlich 250 Tiere im Dovrefjell. Bejagt werden sie nicht, doch nehmen Krankheiten, Klimawandel und auch der Druck durch den Tourismus Einfluss auf die Population.

In der  grauen Herbstlandschaft zogen die Tiere durchs Fjell und suchten nach Nahrung. Auch wenn die Tiere ruhig und schwerfällig wirken, ist man gut beraten, sich in sicherer Entfernung zu halten. Gerade jetzt in der Brunftzeit sind die Bullen unberechenbar. Unvermittelt können sie zum Angriff übergehen und dabei bis zu 60 km/h schnell werden. Angesicht des bis zu 400 kg schweren Lebendgewichts käme da ganz schön was auf den Beobachter zu. Von den Moschusochsen will ich hier ein paar Fotos zeigen, sie aber ansonsten für einen späteren Beitrag zurückstellen.

Auf Tour mit Rucksack und Zelt

In der ersten Woche gab es eine kurze Schönwetterphase, die ich gleich nutzte, um wieder mit der Zeltausrüstung aufzubrechen. Wie im Vorjahr war ich mit dem Trekkingzelt Trek Santiago von Outdoorer unterwegs. Das kleine Zelt erfüllte wieder einmal alle Anforderungen, die ich an einen mobilen Unterschlupf und Wetterschutz hatte. Zudem hatte ich mein Gepäck stark modifiziert, damit ich eine etwas größere Kochausrüstung mitnehmen konnte. Ich wollte nämlich nicht 4 Tage lang vom Esbitkocher leben. Diesmal passte dann alles in den Rucksack und ich musste nicht ─ wie im Vorjahr ─ einen Kanusack mitnehmen. Das machte das Wandern deutlich bequemer, wenn auch das Gewicht nicht niedriger war. Einzig meine Isomatte hätte etwas dicker sein können. Hier sollte ich vielleicht mal die selbstaufblasende Isomatte Trek Bed 2 von Outdoorer ausprobieren. Mit 5 cm Dicke wäre der Komfort an den unebenen Stellen bestimmt besser gewesen.

Ich startete wieder von Hjerkinn mit dem Bus, und da es ab Snøheim kein riesiger Umweg zu meinem Zielgebiet war, machte ich auch einen Abstecher zum Fuchsbau des Vorjahres. Doch in diesem Jahr hatte es nur wenig Mäuse und Lemminge gegeben. So war am Fuchsbau diesmal keine große Familie anzutreffen und es fanden sich auch keine Welpen, die vor den Höhleneingängen spielten. Ich sah adulte Tiere am Abend, als ich bei meiner Mahlzeit saß und am nächsten Morgen, als sie vor dem Bau in der Sonne lagen, bevor sie sich in diesen zurückzogen.

Ich ging weiter ins Dovrefjell hinein und suchte nach den wilden Rentieren. Zwar war das Wetter gut zum Wandern und Draußensein, doch blies die ganze Zeit ein mehr oder weniger kräftiger Wind. Rentiere sind, während sie nach Nahrung suchen, meist in Bewegung und ziehen dabei immer gegen den Wind, um potentielle Gefahren wittern zu können. Hier oben, im Fjell wäre das zum Beispiel der Vielfraß. Da der Wind aber fortwährend aus Norden kam, hieß das, dass auch die Rene nach Norden gewandert sein mussten.

Die Jagdsaison war eröffnet und während meiner Wanderungen im Fjell traf ich auch immer wieder Jäger, die ebenfalls auf der Suche nach Rentieren waren. Zwar befand ich mich im Nationalpark, gejagt wurde hier aber dennoch. Die Zahl der Rene wird reglementiert, damit sie durch eine Überpopulation nicht den eigenen Lebensraum überweiden. Denn die natürlichen Feinde wie Wolf, Luchs oder Vielfraß gibt es nicht im ausreichenden Maße.

Aber auch die Jäger kamen meist ohne Erfolg zu haben zurück, da die Tiere zu weit weg gezogen waren und in einer Ecke des Schutzgebietes standen, die von Snøheim aus nicht gut zu erreichen war. So lief ich durchs Gebiet und machte meine letzte Übernachtung in der Nähe der Berghütte Reinheim. Da das Wetter aber noch gut war, begab ich mich nicht mit den anderen  Wanderern und Jägern in die Hütte, sondern blieb im Zelt, wo mich weder die Ausdünstungen verschwitzter Socken, noch das Schnarchen erschöpfter Tourengänger vom Schlafen abhielt.

Weiter geht´s nach Schweden

Als ich aber nach einigen Tagen zum Campingplatz zurückkam, hatte ich keine Rentiere gefunden und auch die Tipps, die mir die Leute von Magalaupe geben konnten, hatten nicht zu den erhofften Motiven geführt. Also nutzte ich die Mobilität, die ich mit dem Caravan hatte und fuhr weiter Richtung Nordschweden.

Dabei kam ich durch Røros an der norwegisch-schwedischen Grenze. Das alte Städtchen gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. In der Bergbaustadt wurde bis in die 1970er-Jahre Kupfererz abgebaut. Heute stehen die alte Stadt, die Grube und sogar die Abraumhalden unter Denkmalschutz.

Von Røros aus fuhr ich Richtung Funäsdalen in Schweden und bog dort auf die Strecke ab, welche mich geradewegs auf die Flatruet führte. Die Flatruet ist Schwedens höchste Passstraße und führt auf knapp 1.000 Meter Seehöhe. Auf ihr kommt man durch fast alle Vegetationsformen des Nordens. Die anfangs noch befestigte Straße wird bald zur Piste und führt durch den Waldaufs Fjäll und sogar bis aufs Högfjäll, wo scheinbar nur noch Steine und Moose wachsen. Dies ist das Gebiet der Samen. Sie leben mit ihren Rentierherden in den Bergen des Jämtlands, so der Name dieser Region.

Kurz vor dem Beginn der Flatruet liegt das kleine Dorf Mittådalen. Hier leben noch etwa 50 Menschen und alle pflegen ihr Auskommen durch die Rentierzucht. Früher gab es in der kleinen Samensiedlung eine eigene Schule. Heute ist diese ein Wandererheim, das von einer freundlichen, älteren Dame namens Elisabeth geführt wird. Ich war sehr froh, dass ich mich vor dem Haus mit meinem Wohnwagen hinstellen durfte und auch einen Stromanschluss erhielt. Außerdem konnte ich die Sanitäranlagen im Wandererheim benutzen.  Ein optimales Plätzchen, um die letzten Tage meines Aufenthalts zu verbringen!

Endlich Rentiere

Die Rentiere der Samen sind die halbwilden Verwandten der Stämme in Norwegen. Wie diese ziehen sie durch Tundra und Taiga und suchen dort ihre Nahrung. Von den Samen werden sie zu den Sommer- oder Winterplätzen geführt und auch zusammengetrieben, um sie zu zählen, zu markieren und die Schlachttiere heraus zu holen. Aber die weit überwiegende Zeit des Jahres leben sie frei in der Natur. Ihre Fluchtdistanz ist kleiner als die der wilden Verwandten, aber es sind keine Streicheltiere. Auch sie flüchten bei Annäherung. Einfacher war es aber an der Flatruet. Hier konnte ich mit dem Auto ein großes Gebiet abfahren und nach Rentieren Ausschau halten. Oft konnte ich vom Fahrzeug aus fotografieren. Dabei wirkte das Auto wie ein Versteck.

Die Tiere verbinden die vorbeifahrenden Vehikel nicht mit einer Gefahr. Sie werden mit diesen nicht zusammengetrieben, und aus ihnen heraus wird auch nicht gejagt. Sobald man aber das Auto verlässt, und die Silhouette des Menschen erkennbar wird, flüchten sie. Das alles kam für mich sehr gut zusammen, denn die Regenschauer waren hier fast noch intensiver als in Norwegen und machten jeden Gedanken zunichte, mit dem Zelt aufzubrechen.

Besondere Herausforderungen – besondere Gelegenheiten

Das Wetter blieb wechselhaft. Zwischen heftigen Schauern trat plötzlich für einige Stunden auch einmal die Sonne hervor. Und anschließend goss es wieder wie aus Kübeln. Besonderes Licht – besondere Situationen. Ich musste nur oft und lange genug draußen sein, was ehrlich gesagt manchmal echt Überwindung kostete.

Anders als in Norwegen war in Schweden der Herbst aber schon viel deutlicher sichtbar. Die Landschaft stand in den intensivsten Herbstfarben und durch die Nässe wirkten diese nochmals kontrastreicher.

Die Rentiere waren in ständiger Bewegung und so fand ich sie sowohl in den tiefen Lagen, wo sie zwischen Wald und Moor ihre Nahrung suchten, als auch auf den höchsten Ebenen des Fjälls, wo man sich fragen konnte, was sie da eigentlich noch an Verwertbarem aufnehmen konnten. Aber die Tiere sind es gewohnt, sich ihre Nahrung hart zu erarbeiten und gerade bei karger Vegetation zu überleben. Sie weiden Moose und Flechten, die sie auch noch bei eisiger Schneelage ausgraben.

Die Rudel waren noch relativ ruhig und von der Brunft war noch nicht viel zu merken. Einige der weniger starken Hirsche waren gelegentlichen in kurzen Geplänkeln zu beobachten. Aber das war nichts Ernstes. Erst wenn die starken Hirsche die Bühne beträten, würden die Auseinandersetzungen um die Harems an Fahrt gewinnen. Aber viele der Tiere waren noch im Bast, was heißt, dass sie die pelzige Haut, die das Geweih umgibt wenn es ausgebildet wird, noch trugen. Diese Haut ist durchblutet und empfindlich, und mit dieser würde sich kein Tier in Rangkämpfe begeben. Ist das Geweih komplett, beginnt der Bast zu jucken. Die Tiere scheuern sich dann an allem, was sich bietet und fegen den Bast ab. Der hängt dann oft in Fetzen am Horn.

Heimkehr mit tollen Erinnerungen

Ich blieb sieben Tage in Mittadålen und am letzten Tag schlug das Wetter um. Es wurde sonnig und ein paar der kapitalen Böcke sah ich auch noch. Die komplette Rückfahrt fand im schönsten Herbstwetter statt und fast hätte ich mich geärgert. Aber auch das nasse Wetter hatte seine besonderen Motive und auch wenn nicht alles so gelaufen war, wie ich es vorher geplant hatte, kam ich doch zufrieden zurück. Eine Reise wird eben erst richtig interessant, wenn Dinge anders als erwartet ablaufen.


Zum Rentier

Das Rentier ist seit frühester Zeit der Begleiter des Menschen. Er folgte den Tieren und jagte sie. Fanggruben gab es bereits in der Zeit, als die Tiere erstmals vor ca. 10.000 Jahren auf dem europäischen Kontinent auftauchte. Gruben jüngeren Datums sind heute noch zu finden. Später domestizierte der Mensch die Tiere und zog nicht nur mit ihnen umher, sondern nutzte sie auch als Zug- und Lasttiere.

Das auffälligste Merkmal des Rentiers ist sicherlich, dass es die einzige Hirschart ist, bei der auch die weiblichen Tiere ein Geweih tragen. Aber auch sonst ist seine Biologie, das Verhalten und die  Lebensweise sehr interessant und erstaunlich. Um den Text hier nicht zu weit auszudehnen empfehle ich, die deutsche Seite der Norwegischen Naturschutzorganisation zu besuchen. Dort findet man fundierte Informationen und auch ausführliche Angaben zu den Gebieten, wo man heute wilde Rentiere antreffen kann, falls jemand eine Wanderung dorthin planen möchte.

Wer sich für die halbwilde Gattung und die daran hängende Kultur der Samen interessiert, kann diese am nächsten in mittleren Teilen Schwedens erleben. Ab der Region rund um das Idrefjäll in Dalarna leben die Rentierhirten. Je weiter man dann nach Norden fährt, umso zahlreicher werden die Möglichkeiten, Rentiere zu finden, was sogar so weit geht, dass man auf den Straßen aufpassen muss, um nicht mit kreuzenden Tieren zusammen zu stoßen. Die Rene ziehen oft durch die Waldgebiete und passieren dabei die Straßen ─ wohlgemerkt auch die großen Fernstraßen. Ein zentraler Punkt der Samen ist die Stadt Jokkmokk am Polarkreis. Der Ort ist bekannt für seinen Wintermarkt, der dort schon seit mehreren hundert Jahren stattfindet. Immer im Februar trifft man sich hier zum Handeln und Feiern. Musik, Essen, Handwerk und die Kultur der Samen bestimmen das Bild.


Linkssammlung

Einige der folgenden Links habe ich in meinem letzten Beitrag schon einmal gepostet, füge sie aber nochmal an: