Zwei Berliner in Kanadas Outback – West Coast Trail Trekking

West Coast Trail - Titelbild Landschaft P1030840

Knapp neun Monate sind Linda und Timm bereits in Kanada unterwegs, drei weitere sollen folgen. Ihre Mission: möglichst viel von Kanadas wilder Schönheit erleben. Nach dem Sunshine Coast Trail wagen sie sich nun über den West Coast Trail. Ursprünglich wurde dieser Treck als Dominion Lifesaving Trail angelegt und gehört nicht nur zu den eindrucksvollsten, sondern auch vielfältigsten Trekkingrouten. Ausgestattet sind sie bei ihren Abenteuern mit Outdoor Ausrüstung von outdoorer. Linda reist mit dem Trekkingrucksack Trek Bag 70, Timm mit dem Work & Traveller 75+10 L. Beide haben sich zudem für die selbstaufblasbare Isomatte Trek Bed 1 entschieden.

 

2. Treck: Der West Coast Trail

Der Trail misst 75 km und liegt auf Vancouver Island an der Westküste Kanadas. Er führt durch den Regenwald und entlang der Steilküste mit teils herrlichen Stränden. In Kanada ist der West Coast Trail (WCT) der bekannteste Treck – und einer der anspruchsvollsten. Er zählt zu den schönsten und abwechslungsreichsten Trails weltweit.

 

Erster Tag – Pachena Trailhead zum Darling River

Es ist Anfang Mai, ein milder Frühlingstag, als wir in den Regenwald eintauchen. Um uns herum wird es still. Es ist bereits 14.30 Uhr, als wir aufbrechen – oder besser gesagt: als wir aufbrechen können. Denn vor Begehung des Trails ist eine Anmeldung nötig, sowie eine Einweisung durch einen Ranger. Diese Einweisung findet nur früh morgens und nachmittags statt. Und morgens befanden wir uns noch in der Stadt Port Albernie, um von dort per Schiff zum Ausgangspunkt des Trails in Banfield zu gelangen.

Aufgrund der vorangeschrittenen Zeit legen wir gleich einen zügigen Gang ein, müssen aber schnell feststellen, dass wir gar nicht zügig voran kommen. Denn schnell wird aus dem Waldboden ein Lauf durch tiefen Matsch, große Pfützen und über glitschige Wurzeln.

Wir sind erst ein paar Kilometer gelaufen, da hören wir auf einmal in der Ferne ein tiefes eindringendes Geräusch, eindeutig von einem großen Tier. Nach einem Bären hört es sich zwar nicht an, aber vielleicht ist es ein verletztes (und somit sicher auch gefährliches) Tier, denken wir und rücken näher aneinander. Etwas verunsichert gehen wir langsam weiter und unterhalten uns laut, um das Tier nicht etwa zu überraschen. Das Geräusch wird intensiver. Dann fällt Timm etwas ein und er schaut auf unsere Wanderkarte. Und er hat Recht. Irgendwo unter uns befindet sich ein Seelöwen-Felsen, der von unserer Position nur nicht einsehbar ist. Beruhigt atmen wir tief ein und müssen lachen.

Es ist früher Abend, als sich der dichte Wald lichtet und zu einem Strand führt. Hier, markiert von etlichen bunten Bojen, ist auch der erste offizielle Campingplatz. Und dieser ist bereits erstaunlich voll. Es sind ca. sieben Zelte aufgebaut, die ersten Lagerfeuer werden vorbereitet und es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Das ist ja ganz nett, denken wir, aber etwas Ruhe ist auch nicht verkehrt. Und so lassen wir die Rucksäcke aufgeschnallt und laufen weiter. Denn wir wissen, dass 2km entlang des Strandes bereits die nächste Übernachtungsmöglichkeit wartet.

Und noch etwas wartet auf uns auf diesem kurzen Abschnitt: Das erste größere Hindernis, ein breiter Flusslauf. Wir suchen uns die schmalste und flachste Stelle, ziehen kurzerhand unsere Schuhe aus, krempeln die Hosen hoch und waten barfuss bzw. ich mit Flip Flops durch das Wasser. Und dieses ist eisig kalt, tut den glühenden Füßen aber gut. Beide haben wir neben den Wanderschuhen noch ein leichtes Paar Turnschuhe zum Wechseln mit. Wie wir von anderen mitbekommen, ziehen viele ihre Ersatzschuhe auf eben solchen Wasserdurchquerungen an, um guten Halt zu haben. Wir aber bevorzugen es, barfuss durch das Wasser zu waten und so noch ein trockenes Paar Schuhe als Reserve zu haben.

Auf der anderen Seite sehen wir, dass unsere Rechnung aufgegangen ist. Der nächste Platz ist nicht nur etwas schöner gelegen, sondern auch kleiner. Lediglich eine Gruppe von vier Deutschen ist dort anzutreffen. Wir machen uns direkt daran, unser Nachtlager vorzubereiten und uns etwas zu kochen. Dann wird es auch schon dunkel und wir gesellen uns zu der netten Gruppe ans Lagerfeuer.

Zweiter Tag – Darling River zum Tsutsiat Fall

Nach einer etwas unruhigen Nacht (es regnete und der Wind zerrte an unserem Zelt) wachen wir früh auf. Wir bleiben aber noch liegen und lassen uns Zeit. Denn noch immer tröpfelt es an unsere Zeltwand. Und wenn die Wettervorhersage stimmt, die wir uns zu Beginn sagen ließen, soll es spätestens um 10.00 Uhr aufhören zu regnen. Und das können wir auch noch abwarten, denken wir, um im Trockenen das Zelt abzubauen und draußen zu frühstücken. Gesagt, getan. Von draußen hören wir bereits andere Wanderer an unserem Zelt vorbei laufen; es müssen die von dem nahe gelegenen Campingplatz sein. Nur die vier Deutschen schauen uns lächelnd an, als wir schließlich aus unserem Zelt kriechen. Auch sie sind gerade erst aufgestanden.

Wir sind noch nicht lange gelaufen, da kommt abermals eine Flussüberquerung. Timm hat diesmal keine Lust darauf, durch das Wasser zu waten und entscheidet sich kurzerhand dafür, stattdessen etwas zu klettern. Denn an einer Stelle hat sich etliches Treibgut in Form von dutzenden Baumstämmen angesammelt, das über den Fluss reicht. So trennen wir uns kurz, denn ich wähle den Weg durch das kühle Nass.

Nach einigen Kilometern am Strand kommt eine Felswand in Sicht und der Weg führt uns in den Regenwald, um dieses Felsmassiv zu umgehen. Wir staunen nicht schlecht, als sich vor uns lange und steile Leitern zeigen. Und die sind mühsam und kräftezehrend, zumal unsere großen Rucksäcke noch nicht sonderlich leichter geworden sind.

Der Weg bleibt im Wald und verläuft oberhalb entlang der Küste. Er bietet einige schöne Aussichten, allerdings ist es an dem heutigen Tag etwas grau und immer mal wieder kommt ein leichter Regenschauer auf. Wir lassen unseren Regenschutz, die Rain Defender, um die Rucksäcke geschnallt.

Dann geht es wieder zum Strand. Es ist Ebbe und wir kürzen die vor uns liegende Bucht ab, indem wir geradeaus über den freigelegten Meeresgrund gehen. Anstelle des direkt am Ufer liegendes Sandes laufen wir nun über unebene, teils rutschige Steinplatten. Einige dieser Platten sind übersät mit unzähligen winzigen Schnecken. Es ist unmöglich, Rücksicht auf die Schnecken zu nehmen, und so knirscht und knackt es ordentlich unter unseren Schuhen.

Der nächste Fluss wartet bereits, doch dieser wäre diesmal nicht passierbar gewesen. Stattdessen sehen wir den Zugang zu einem Cable Car und laufen begeistert hin. Von einer Plattform ziehen wir quietschend den Wagon zu uns, der über der Mitte des breiten Flusses schwebt. Anschließend fahre erst ich zur anderen Seite, dann Timm; unter uns der reißende Fluss, der in das offene Meer fließt. Toll.

Es folgen 3 weitere Kilometer im Wald, noch ein paar Leitern, dann haben wir es geschafft. Wir sind am heutigen Ziel angelangt, der Campingplatz ist toll gelegen. Wir schauen uns begeistert um. Ganz in der Nähe befindet sich ein großer breiter Wasserfall. Und als wäre das noch nicht genug, zeigt sich ein prächtiger Regenbogen und verzaubert alle. Dies ist wirklich eine wunderschöne Stelle zum Übernachten. Da sind anscheinend nicht nur wir der Meinung, denn mit uns tummeln sich ca. 10 weitere Wanderer auf dem Campingplatz. Wir bekommen eine vage Vorstellung davon, wie voll es wohl in der Hauptsaison sein muss.

Als wir unsere Vorräte aus den Rucksäcken holen, merken wir schnell, wer die eigentlichen Futter-Diebe sind und vor wem wir unsere Lebensmittel immer in Sicherheit bringen müssen. Es sind dreiste Krähen, aber auch Nagetiere wie Wiesel, Mäuse und Streifenhörnchen. Sobald Nahrung aus dem Rucksack geholt wird, nähern sich die Krähen bereits. Sie sind schnell und wenig kontaktscheu. Es reicht bereits, wenn wir uns drei Meter entfernen oder mit dem Rücken zu ihnen stehen, dann kommen sie und krallen sich alles Essbare, was sie ergattern können. Besonders ärgerlich wird es, wenn sie Zippertüten durchhacken, um an den Inhalt zu gelangen. So muss unsere gute Tüte voll mit Nüssen und getrockneten Früchten dran glauben. Ebenfalls sehr beliebt für die Tiere und ärgerlich für uns: wenn sie sich die Mülltüte vornehmen und es in kürzester Zeit schaffen, Chaos zu hinterlassen. Die Nager hingegen sind um einiges scheuer und nicht ganz so dreist; für uns werden sie nicht zum Verhängnis, aber auch über sie hören wir einige Stories von anderen Wanderern.

Dritter Tag – Tsutsiat Fall zum Cribs Creek

In dieser Nacht schlafen wir tief und fest und werden erst von dem Geräusch anderer geweckt, die bereits ihre Zelte abbauen. Die Sonne strahlt an diesem Morgen und gut gelaunt bereiten auch wir uns auf den Tag vor. 16,5 km liegen heute vor uns.

Zunächst geht es einige Stunden am Strand entlang, mal im feinen Sand, mal im steinigen Sand; einige Klettereinlagen inklusive. Es ist herrlich, so macht uns Wandern Spaß.

Dann führt uns der Weg wieder in den Wald und als wir schließlich zu einem Wassersteg kommen, treffen wir wieder auf die Deutschen. Zusammen warten wir auf ein Boot, dass uns zu der anderen Seite bringen soll. Wir nehmen noch alle einen Snack zu uns, die vier Deutschen füllen durstig ihre Wasserflaschen in dem kalten Wasser auf und ich erfrische noch schnell mein verschwitztes Gesicht.

Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten, und als das kleine Boot auf der anderen Seite um eine Biegung fährt um schließlich anzulegen, staunen wir nicht schlecht. Denn da, mitten im Regenwald, abgeschnitten von allem und jeden, lockt ein Restaurant mit herrlichen Düften. Das Restaurant wird von einer Familie der First Nations (der Ureinwohner) betrieben. Vier junge Wanderer sitzen bereits draußen an einem Tisch und nicken uns begeistert zu. Vor ihnen gut gefüllte Teller und Popgetränke. Frische Krabben werden uns nahe gelegt. Doch so verlockend das auch wäre, gehen wir schnell weiter, um der Versuchung zu widerstehen. Das passt doch irgendwie nicht zu so einem Treck in der Wildnis, sagen wir uns; außerdem ist es erst der dritte Tag.

Hinter dem Restaurant führt ein Holzsteg weiter durch den Regenwald. Holzstege gibt es immer mal wieder auf dem Treck, doch diese sind meist sehr kurz und/oder in solch einem schlechten Zustand, dass sie gar nicht mehr nutzbar sind und alle nur seitlich an ihnen (meist im Schlamm) vorbeilaufen.

Aber dieser Steg ist anders, er muss neu sein und nimmt gar kein Ende. Wir beide würden den Waldboden in der Wildnis einem Steg bevorzugen, doch ist es auch angenehm mal wieder auf ebenen und festem Boden zu laufen. Wir nutzen diesen Zustand und laufen zügiger. Und genau das wird natürlich mir zum Verhängnis. Ich achte nicht mehr allzu sehr darauf, wohin genau ich meine Schritte setze und zack, zieht es mir die Beine weg; ich rutsche auf einer glitschigen Stelle aus und lande hart auf dem Holz.

Als der Steg endet, liegen nur noch wenige Kilometer im Wald vor uns. Diese gestalten sich als besonders unwegsam; doch bald haben wir auch das hinter uns und Bojen an den Bäumen weisen uns wieder den Weg zum Campingplatz.

Als die vier Deutschen kurze Zeit später eintrudeln, kommen sie direkt zu uns. „Ey, habt ihr gewusst, dass der Fluss, über den wir zusammen gefahren sind, gar kein Fluss war, also gar kein Fluss oder See sein konnte? Wir alle haben dort unsere Wasserflaschen aufgefüllt, eine Ewigkeit mit uns getragen, und es ist ja nicht so, als hätte man nicht bereits genug getragen, nur um dann festzustellen, dass man sich ungenießbares Salzwasser abgefüllt hat“. Sie lachen. Auch Timm muss lachen. Nur ich bin zunächst etwas verwirrt und sage selbstverständlich, ja klar war das Salzwasser. Sie schauen mich entgeistert an und fragen woher ich das wusste und weshalb ich denn nicht sagte. Ich hatte das Salzwasser auf meinen Lippen gespürt, als ich mir das Gesicht gewaschen habe. Und ich weiß noch genau, wie ich dachte, wie praktisch und fortschrittlich deren Wasserfiltersystem sei, wenn sie sogar Salzwasser aufbereiten können. Denn die haben so einen speziellen Metallstab, der in das Wasser gehalten werden muss und durch UV Licht die Keime und Bakterien abtötet. Das hatte ich bis dato noch nicht gesehen. Nun muss auch ich lachen.

Den Abend lassen wir wieder alle zusammen am Lagerfeuer ausklingen, mit in der Runde drei Dänen, die ebenfalls spannende und witzige Geschichten zu erzählen haben.

Vierter Tag – Cribs Creek zum Walibran River

 Der vierte Tag führt uns wieder am Strand entlang und wir genießen die schönen Aussichten entlang der Küste und auf den offenen Atlantik. Die pralle Sonne scheint und lässt uns ordentlich schmoren. Ebenfalls ausgetrocknet finden wir heute besonders viel Strandgut wie tote Krabben, Korallen und Muscheln.

Und dann, dann kommt schon wieder ein Restaurant, oder besser gesagt ein Imbiss, wieder von einer einheimischen Familie geführt. Heute anscheinend auf dem Speiseplan: Hamburger mit Pommes, das jedenfalls lassen sich einige Amerikaner gerade schmecken. Und es sieht verdammt gut aus. Diesmal werden wir etwas schwach, setzen uns erstmal in die Nähe und überlegen. Die zwei Kinder der Familie laufen umher und sprechen alle an, möchten spielen. Das kleine Mädchen findet Gefallen an Timm und setzt sich zu ihm. Energisch fordert sie Aufmerksamkeit ein und strapaziert schon bald unsere Nerven. Wir entscheiden uns für eine kalte Cola und ziehen dann schnell weiter.

Heute kommen wir gut voran und erreichen bereits früh den nächsten Campingplatz. Auch dieser ist wieder sehr schön gelegen und lädt zum Relaxen ein. Nach einer Kaffeeeinlage schnappe ich mir mein Trek Bed 1 und lege mich faul an den Strand. Die ultraleichte Isomatte konnte bisher in Handhabung und Komfort überzeugen und uns zu erholsamem Schlaf verhelfen.

Fünfter Tag – Walibran River zum Camper Bay

 Wieder werden wir von der wärmenden Sonne geweckt, die zart durch unser Zelt scheint.

Dieser und der kommende Tag sind die anstrengendsten, so die Rangerin, bei der wir die Einweisung hatten, das klingt uns noch in den Ohren. Es müssen nicht sehr viele Kilometer gelaufen werden, doch diese sollen sehr unwegsam sein. Wir freuen uns auf die Herausforderung.

Zunächst geht es eine Weile durch den Regenwald, wir laufen durch matschigen Waldboden, ziehen uns am Gehölz und Steinen hoch und kriechen unter umgekippten Baumstämmen hindurch. Ein paar Mal fluche ich leise vor mich hin. Auch ein Cable Car muss wieder genommen werden.

Dann erstreckt sich ein Canyon vor uns. Der Adrenalin Canyon. Über ihn führt eine lange Hängebrücke. Ich stöhne schon bald, da es wieder unendlich viele steile Treppen runter zu der Brücke geht und natürlich auf der anderen Seite wieder hoch. Diese Schlucht macht ihrem Namen wirklich alle Ehre. Mehr als nur einmal rufe ich Timm, der voran klettert, erschöpft zu, dass er nicht auf mich warten soll, dass er mich einfach zurück lassen soll. Zum Glück sind wenigstens unsere Rucksäcke mittlerweile etwas leichter. Und gut, dass Timms Work & Traveller 75+10L und mein Trek Bag 70 fest auf unseren Rücken sitzen.

Die heutige Etappe beläuft sich gerade einmal auf 10km. Das ist eigentlich kein Problem für uns, häufiger sind wir schon mehr als das Doppelte gewandert, aber unter diesen Umständen reichen die 10km allemal und wir sind froh, als wir schließlich am nächsten Übernachtungsplatz ankommen.

Als wir uns ein Plätzchen für unser Zelt suchen, stellen wir vergnügt fest, dass wir tierische Nachbarn haben. Neben uns im Gebüsch kriechen zwei Schlangen dicht beieinander und über uns in einiger Entfernung sichten wir einen Weißkopfseeadler, der seinerseits uns zu beobachten scheint.

Sechster Tag – Camper Bay zur Thrasher Cove

 Mit einem guten Muskelkater vom gestrigen Tag starten wir neugierig in den neuen.

Zunächst führt uns der Trail einige Kilometer durch den saftig grünen Regenwald. Dann, dann kommt der schwierige Teil des Tages.

Ein Strandabschnitt mit einem felsigen Riff wartet, der nur bei Ebbe zu bewältigen ist. Unsere Tabelle zum Ausrechnen der Gezeiten sagt uns, dass es für eine Überquerung noch etwas zu früh ist. Wir müssen warten. Oder besser gesagt, wir müssten warten. Denn wir entscheiden uns dafür, es einfach zu versuchen und soweit es geht weiter zu laufen.

Doch wir kommen nur ein kurzes Stück voran, dann versperrt uns eine Felswand den Weg. Um diese müssten wir herum, doch das Wasser klatscht bereits gegen den Felsen. Mir ist nicht ganz wohl dabei, denn wir können von unserer Position noch nicht sehen, wie es hinter diesem Felsen aussieht; d.h. uns bleibt nichts anderes übrig, als damit zu rechnen, evtl. wieder alles zurück zu müssen und das Wasser würde dann noch höher reichen. Doch wir wagen es, Timm vorsichtig voran, dann folge ich. Wir ziehen wieder unsere Schuhe aus und krempeln die Hosen hoch. Wir merken schnell, dass nicht etwa das Wasser das Problem ist, vielmehr der undurchsichtige, steinige und sehr rutschige Untergrund. Auch die Felswand bietet keinen Halt, da sie ebenfalls von einer grünen glitschigen Schicht überzogen ist. Mit kleinen Schritten tasten wir uns vorsichtig voran. Es geht alles gut und neugierig lugen wir um die Ecke. Es zeigt sich eine raue Landschaft von Felsvorsprüngen mit Kanälen, in denen mit jeder Welle rauschend das Wasser geschwemmt wird. Wir gehen so weit wie möglich, doch das ist wieder nicht sehr weit. Wir müssen uns geschlagen geben, an einem bestimmten Punkt kommen wir nicht mehr voran. So machen wir es uns auf einem Felsvorsprung in der Sonne gemütlich und warten ab. Eine Stunde vergeht, dann noch eine halbe; ungeduldig schauen wir auf die Uhr. Das Wasser ist noch nicht nennenswert zurück gegangen. Aber auch diesmal sind wir einfach zu ungeduldig. So satteln wir unsere Rucksäcke auf – und werden ordentlich nass bei dem Versuch, trotz Flut weiter zu laufen. Einmal zieht mich Timm in letzter Sekunde einen Hang hoch, bevor eine große Welle mir die Beine unter dem Grund weggerissen hätte. Und so geht es weiter, wir springen über Felskanäle und waten immer wieder durch Wasser.

Als wir dieses felsige Riff hinter uns haben, wartet bereits die nächste Herausforderung auf uns. Es lichtet sich eine riesige Anhäufung von Steinen, sehr, sehr großen Steine, soweit das Auge reicht. Auch Treibgut liegt viel herum. Es beginnt ein Hürdenlauf. Und als wäre das nicht schon anstrengend genug, sind natürlich viele Steine wackelig oder auch mit einer dünnen, feuchten Algenschicht bezogen, was sie gefährlich rutschig macht. Wir springen von Stein zu Stein, klettern Felsbrocken hoch oder umrunden sie. Auf dieser Strecke ziehe ich mir leichte Schürfwunden zu.

Dieser letzte steinige Abschnitt ist gerade einmal 4km lang, dennoch benötigen wir fast 4 Std. für ihn; unglaublich. Als wir schließlich diese bizarre Landschaft hinter uns haben und auf den Campingplatz ansteuern, sind wir bestens gelaunt, aber auch richtig geschafft.

Und dann müssen wir uns noch um die kleinen Quälgeister kümmern, die uns auf dem Campingplatz in Empfang nehmen: Mücken. Den ganzen Treck über ließen sich keine blicken; erst jetzt statten sie uns zahlreich Besuch ab.

Von den Deutschen hören wir später, dass sie sich brav an die vorgegebenen Zeiten gehalten und die Flut abgewartet haben – und trocken beim Campingplatz angekommen sind. Tja, was soll ich dazu sagen… es war abenteuerlich, und es hat einen riesen Spaß gemacht.

Aus dem letzten Abend wird fast eine kleine Beachparty. Mit uns, den vier Deutschen und drei Kanadiern (die von der anderen Seite des Trails gestarten sind) entsteht eine ausgelassene Stimmung, zwei große Feuer werden entfacht und ein Flachmann macht die Runde. Schon bald spielen Timm und die Kanadier „Devils Ball“, bei dem ein glühendes Stück Holzkohle wie ein Hackysack in der Luft hin und her gekickt wird.

Siebter Tag – Thrasher Cove zum Gordon River Trailhead, Rückblick

 An diesem Morgen lassen wir es noch einmal langsam angehen, nur wenige Kilometer liegen vor uns und melancholisch packen wir unsere Sachen zum letzten Mal zusammen. Wir sind schweigsam, als wir durch den Wald laufen, jeder geht seinen Gedanken nach.

Zum ersten Mal auf diesem Trail laufen wir auf festem Waldboden und müssen nicht jeden Schritt bedenken. Vielleicht liegt es an der Höhe, dass es hier trockener ist, denn wir erreichen an diesem Tag den höchsten Punkt der Wanderung.

Wir können es gar nicht fassen, was für ein Glück wir auf dem gesamten Treck mit dem Wetter gehabt haben. Lediglich an einem Tag haben dunkle Wolken den Himmel bedeckt und es leicht nieseln lassen. Und das, obwohl der April zu den regenreichsten Monaten in dieser Region gehörte. Doch davon war nichts mehr zu spüren; wir konnten strahlend blauen Himmel und die wärmende Sonne genießen. Sogar die Nächte waren recht mild, nur einmal mussten wir uns die Schlafsäcke bis zur der Nasenspitze ziehen.

Fast betrübt laufen wir die letzten Kilometer. So schön war es, so abenteuerlich, so viel Spaß hat es gemacht. Jetzt ist es gleich vorüber. Wir scherzen, dass wir doch umdrehen könnten und den Trail einfach noch einmal laufen könnten, diesmal auf den anderen Wegen. Denn eine Besonderheit des WCTs ist, dass sich der Weg häufiger spaltet, in einen Wald- und in einen Strandabschnitt. Wir entschieden uns meist für den Strand und die Felsen. Doch haben wir mitbekommen, dass vielen anderen vor allem der feine Sand Schwierigkeiten bereitete, da man in diesem stark einsinkt und das sehr energiezehrend ist. Auch die glitschigen Steine war nicht jedermanns Geschmack. So bevorzugten sie es, sich durch den Regenwald zu schlagen. Und so kam es auch, dass uns nur sehr wenige Personen unterwegs über den Weg liefen.

Aber nein, natürlich drehen wir nicht um, um den Trail noch einmal zu laufen. Und langsam nimmt die Freude auch zu, die Freude auf eine heiße Dusche, eine deftige Mahlzeit und ein Bett. Und dann klettern wir auch schon die letzte Treppe hinunter zum Strand, an dem wir auf das Boot warten, das uns zur anderen Seite vom Gordon River nach Port Renfrew bringen soll. Mit uns wartet eine Gruppe Japaner ; auch sie scheinen ganz beflügelt von den letzten Tagen zu sein.

Wir haben es geschafft. Glücklich fallen wir uns in die Arme.

 

Der WCT ist wirklich ein wunderschöner und spannender Treck. Wir sind am Tag bis zu acht Std. gelaufen, häufig kamen wir nur langsam voran. Es ging durch den dichten Regenwald, am Strand und am felsigen Riff entlang. Wir sind im Match versunken, mussten über Felsen klettern, über Baumstämme balancieren, sind an etlichen Wasserfällen vorbei und über 130 Brücken gelaufen, mussten auf glitschigen, nassen Steinen Halt finden, durch Bäche waten und auf einigen Abschnitten die Gezeiten berücksichtigen. Nicht zu vergessen die 70 (!) Leitern, was einfach unglaublich anstrengend mit schwerem Gepäck war und wir in dieser Form noch nie bei einem Treck erlebt haben. Auch abseilen mussten wir uns einige Male. Und natürlich die Cable Cars, fünf Mal muss solche eine Seilbahn genutzt werden, um auf die andere Seite einer Schlucht oder eines breiten Flusses zu gelangen. Das war toll, aber ebenfalls kräftezehrend, da der Wagon zunächst von der Mitte der Strecke zu sich gezogen werden musste und er dann (mit einem drin) wieder nur bis zur Mitte sauste, so dass sich wieder zur anderen Seite gezogen werden musste. Kurz, der Trail hat einfach sehr viel zu bieten. Zurecht gehört der West Coast Trail zu den schönsten und abwechslungsreichsten Trails.

 

Zur Verpflegung und den Übernachtungsplätzen

Die Verpflegung ist bei uns minimalistisch ausgelegt, ganz alleine aus dem Grund, dass natürlich alles selber getragen werden muss; auch für den Müll gibt es keine Entsorgungsmöglichkeit. Auf schwere und große Verpackungen wie Dosen verzichten wir daher ganz. Das heißt zum Frühstück gibt es bei uns immer Porrige und einen Kaffee oder Tee. Auf ein ordentliches Mittagessen verzichten wir, stattdessen dienen uns Snacks wie Müsliriegel, Nüsse, getrocknete Früchte, Knäckebrot mit Erdnussbutter und Kekse über den Tag hinweg als Energiezufuhr. Abends wird dann gekocht. Hierfür haben wir schnellkochende Nudel- und Reisgerichte aus der Tüte eingekauft.

Süßwasser zu bekommen ist auf diesem Trail sehr einfach. Ein Fluss oder ein kleiner Stromlauf befindet sich zum Auffüllen des Wassers – und natürlich auch zum Frisch machen – immer in der Nähe.

Übernachtet wird immer an markierten Strandabschnitten, dicht am Wald. 18 davon sind auf dem Trail verteilt, d.h. jeder Wanderer kann selbst entscheiden, wie weit er an jedem Tag laufen bzw. wie viele Tage er für den Trail einplanen möchte. Üblich sind 6-8 Tage. Ein Plumpsklo und eine Bärenbox (eine große Metallbox mit Karabinern zum Verschließen) befinden sich an jedem dieser markierten Abschnitte. Lagerfeuer sind an den Stränden erlaubt. Wer die Einsamkeit und Ruhe bevorzugt und sich sein eigenes Plätzchen für die Nacht an einem anderen Strandabschnitt suchen möchte, muss immer die Flut bedenken und weit genug entfernt sein Lager aufschlagen. Anstelle der Bärenbox müssen dann alle Lebensmittel und Kosmetika in einer bestimmten Entfernung und Höhe an einem geeigneten Baum aufgehängt werden.

 

Informatives zum Trail  – Route, Organisierung, Kosten

Der West Coast Trail liegt im Südwesten von Vancouver Island im Pacific-Rim-Nationalpark. Er verläuft zwischen Banfield und Port Renfrew und kann von beiden Richtungen aus begangen werden. Acht Mal führt der Weg durch ein First Nations Reservat.

Ursprünglich wurde der Trail als „Dominion Lifesaving Trail“ angelegt – ein Trail, auf dem Schiffbrüchige am Ufer zur nächsten Stadt gelangen konnten. Die Küste zählt viele gekenterte Schiffe.

Seit einigen Jahren ist nun der Trail für eine täglich begrenzte Anzahl von Wanderern im Zeitraum Mai bis November passierbar (35 pro Richtung). Eine Registrierung ist notwendig und es wird eine Gebühr von 110 CAD pro Person erhoben. Die zwei Überfahrten per Boot sind in dem Preis inkludiert.

Bei Ankunft ist zunächst eine persönliche Anmeldung in einer Rangerhütte notwendig. Hier wird zudem eine ca. 30 minütliche Einweisung durchgeführt; die Teilnahme ist Pflicht. Neben nützlichen Informationen rund um den Trail, den Wildtieren, zum Verhalten bei Gefahren und Verletzungen, wird außerdem eine detaillierte Wanderkarte sowie eine Tabelle zum Ausrechnen der Gezeiten ausgeteilt.

Bild von der Rangerhütte P1030718

Jährlich müssen unzählige Personen evakuiert werden; durchschnittlich jeden zweiten Tag müssen Rettungskräfte per Boot oder Helikopter ausrücken. Die häufigste Ursache hierfür sind Knöchelverletzungen und Hyperthermie (Unterkühlung).

 

Vergleich zum Sunshine Coast Trail

Im Herbst 2016 sind wir den 10-tägigen Sunshine Coast Trail (SCT) gelaufen, ebenfalls an der Westküste Kanadas gelegen. Den Bericht inklusive Fotos ist bei Interesse hier zu finden.

Eine kleine Gegenüberstellung:

 Sunshine Coast TrailWest Coast Trail
Anmeldung erforderlichneinja
Gebührkeine110 $
Zeitrahmenkeine Beschränkung01.05. - 30.09.
Länge180 bzw. 130 km75 km
Zelt erforderlichneinja
Wegweisunggutsehr gut
Hunde erlaubtjanein

Landschaft SCT:  gebirgiges Waldgebiet, Flüsse und Seen, einige View Points, ein atemberaubender 360 Grad Blick über eine weite, wilde Landschaft. Täglich müssen mehrere Höhenmeter auf teils unwegsamen Terrain überwunden werden, was diesen Treck schwieriger gestalten lässt als den WCT.

Tin Hat Cabin - Sunshine Coast Trail P1010882

Haben Linda und Timm euer Interesse geweckt? Hier geht es zu einem Kanada Backpacking Reisebericht von Johannes. Außerdem empfehlen wir zusätzlich zum Trek Bag 70 und Work & Traveller 75+10 den 4 Continents 85+10 als Backpacker Rucksack!

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