Mit Rucksack pilgern auf dem Jakobsweg, Teil IV: Meseta – Burgos bis León

Weiter geht’s – auf zum nächsten Teilstück des Jakobsweges: von Burgos nach León inklusive Überquerung der kargen Hochebene Meseta. 

„Wenn man auf ein Ziel zugeht, ist es äußerst wichtig, auf den Weg zu achten. Denn der Weg lehrt uns am besten, ans Ziel zu gelangen, und er bereichert uns, während wir ihn zurücklegen.“ (Paulo Coelho, Auf dem Jakobsweg: Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela)Jakobsweg Meseta_1-5

Ab Burgos führt der Weg durch die karge Hochebene Meseta. Laut Wanderführer eine gefährliche Etappe, bei der man im Sommer in der kahlen Landschaft gnadenlos der Hitze ausgesetzt ist und sich die per pedes zurückgelegten Kilometer endlos dahin ziehen. Eine Prüfung für Körper, als auch Geist ─ aber eine große Bereicherung für jeden Pilger, wie auch für unseren Kunden Herrn Lentz.

MESETA, eine baumlose Hochebene auf ca. 800 m Höhe, durchzogen von einigen Tälern, wenigen Straßen und einigen Ansiedlungen. Was hatte ich nicht schon alles über diesen besonderen Abschnitt des CAMINO gehört und gelesen. So mancher hat an dieser Wegetappe in der Gluthitze des kastilischen Sommers verzweifelt. Viele Pilger meiden diesen Teil und umfahren ihn mit dem Linienbus („Ich habe meinen Flug schon gebucht, und die Zeit wird zu knapp…“). Da wird die Monotonie beklagt, die Hitze usw. usw. „Eine Ameise krabbelt übers Fußballfeld“ (Zitat aus einem Reisebericht).

Entsprechend gespannt und erwartungsvoll bin ich auf diese Etappe. Doch davor liegt noch ein Anmarsch von ca. drei Stunden. Außerhalb der Stadt führt der CAMINO über eine große unübersichtliche Straßenbaustelle. Ein riesiger Verkehrskreisel mit diversen Straßeneinmündungen und Autobahnzufahrten wird gebaut. Und mitten hindurch führt der CAMINO DE SANTIAGO. Wie gut, dass ich an einem Werktag unterwegs bin, denn so werden wir von einem Bautrupp zum nächsten geleitet; selbst die LKW Fahrer weisen uns mit Gesten den Weg und nach etwa 20 Minuten können wir das Labyrinth verlassen und stoßen wieder auf die uns vertraute Markierung mit den gelben Pfeilen. Die Höhe der Meseta liegt, als ich die Stadt Burgos verlassen habe, gut sichtbar immer vor uns.Jakobsweg Meseta_1-2

Im letzten Dorf versorge ich mich nochmal mit Wasser aus einem Brunnen und betrete dann die Meseta. Jakobsweg Meseta_1-3Ich bin überrascht über die Vielfalt der Landschaftsformen. Die Beschreibung von Ödnis und Langeweile kann ich zumindest für die erste Wegstrecke nicht bestätigen. Wenige Kilometer nach dem letzten Dorf gibt es einen wunderbaren schattigen Rastplatz unter Bäumen an einer Quelle.Jakobsweg Meseta_2-3 Jakobsweg Meseta_3-3 Jakobsweg Meseta_3-6 Jakobsweg Meseta_3-10

Ich wandere weiter, die Hitze wird größer, aber immer wieder weht ein kühler Windhauch. Gegen Mittag taucht die kleine Herberge „San Bol“ in einer Senke auf, etwas abseits vom Weg gelegen. Ich bin total erschöpft, als ich sie erreiche. Mehrere Pilger sitzen auf der Veranda und genießen die Ruhe. Hier bin ich heute erste der vierte Gast ─ bei 12 Bettplätzen insgesamt. Diese kleine Herberge inmitten der Einöde gelegen, „in the middle of nowhere“, wie ein Mitpilger es beschreibt, lässt einen die Einsamkeit erleben… Gestört wird diese Idylle nur durch einen riesigen Container, der direkt vor dem Haus in Blickrichtung steht und in dem sich die ganze Energie- und Warmwasserversorgung befindet. Dafür ist das Wäsche waschen urtümlich und einfach: im Ablauf des Quellbeckens ─ eiskalt, aber die heiße Nachmittagssonne trocknet alles in kurzer Zeit wieder. Abends wird uns von der Hospitalera eine wunderbare Paella serviert in dem Essraum, der sich mit einem kreisrunden Tisch unter einer Kuppel befindet.Jakobsweg Meseta_4-8

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Der nächste Morgen bringt etwas Stress ins Haus: innerhalb 90 Minuten müssen 10 Pilgergäste durch die einzige Dusche/Waschraum/WC, dann frühstücken und packen. Den Rest meiner Sachen verstaue ich auf der Veranda.

Im nächsten Dorf Hontanas erlebe ich eine kleine Überraschung. Am Dorfeingang, noch auf der Höhe, sehe ich etwas abseits vom Weg in einem Gatter einen Esel stehen und gehe dorthin, um ein Foto zu machen. Jakobsweg Meseta_7-1Wie verblüfft bin ich aber, als sich in dem kleinen offenen Stall daneben eine ganze Familie aus dem Stroh wickelt. Es ist eine belgische Mutter, die mit ihren Kindern (11, 9 und 4) die Pilgerreise auf dem CAMINO macht, mit dem Gepäck auf dem Esel. Und wenn der Kleine nicht mehr laufen kann, dann reitet er auf dem Esel mit. Jakobsweg Meseta_7-3Ich bin fasziniert von dieser Pilgerfamilie ─ aber obwohl ich durch andere Pilgern immer wieder von dieser Familie höre, werde ich sie leider nie wieder treffen. Ob sie es wohl auch bis Santiago de Compostela geschafft haben?

Etwa zwei Stunden nachdem ich in meiner Herberge aufgebrochen bin, führt die Straße mitten durch eine große Klosterruine. Wahrscheinlich wäre ich nach einem kurzen Halt weitergegangen, wenn mich an der Ecke nicht ein Mann angesprochen und auf Englisch eingeladen hätte, in der dort gelegenen Herberge auszuruhen.

Er führt mich links um die Ruine herum zu dem abseits der Straße gelegenen Eingang. Dabei erzählt er über die Besonderheit dieser Herberge. Hier befand sich im Mittelalter ein Pilgerhospital der Antoniter-Mönche. Lange Zeit verfallen, wurde diese Herberge vor etwa 10 Jahren von einem spanischen Priester mit vielen Freiwilligen wieder aufgebaut.

Ich bin sehr berührt von der liebevoll-freundschaftlichen Atmosphäre, die hier zu spüren ist und von dem Einsatz, den die freiwilligen Hospitaleros leisten, um diesen Ort wieder mit Leben füllen. Ich bleibe eine ganze Weile, unterhalte mich mit den Hospitaleros, mache Fotos und gehe dann, frisch gestärkt von dannen. Dieser Ort hat mir viel neue Kraft gegeben und diese wirkt noch lange nach…Jakobsweg Meseta_9-3

Jakobsweg Meseta_9-5Tipp: Pilgerherberge Sant Anton

Aber weil es noch so früh am Vormittag ist, beschließe ich weiterzuwandern. Später habe ich mich über mich selber geärgert: den Berichten anderer Pilger zu Folge soll eine Übernachtung in dieser so einfach ausgestatteten Herberge zu den eindrucksvollsten Erlebnissen gehören, die man auf dem CAMINO haben konnte. Schon lange kann man von weitem den Bergkegel mit der Burgruine von Castrojeriz erkennen. Aber es braucht dann noch etwa zwei Stunden, bis ich den langgezogenen Ort, der sich unterhalb des Bergkegels entlang windet, erreiche.

Nachmittags spaziere ich durch den Ort.Jakobsweg Meseta_11-2

Ein Haus ist geöffnet für die Öffentlichkeit als „Haus der Stille“. Leise Musik tönt durch die Räume, die interessant eingerichtet sind, scheinbar so, als sei der Besitzer eben gerade aus dem Zimmer gegangen… „Haus der Stille“Am anderen Ende des Ortes finde ich dann auch einen Fahrweg auf den Burg-Berg hinauf, von dem man einen großartigen Ausblick hat. Schon zur Römerzeit war dies ein strategischer Platz, um die alten Handelswege zu schützen und zu kontrollieren.

Tipp: Die Herberge „Ultreia“, die ich mir in Castrojeriz ausgesucht habe, hat noch eine Besonderheit zu bieten: der Weinkeller mit den großen Fässern befindet sich in einem Gewölbe, dass noch aus der Römerzeit herrührt. Jeden Abend findet dort eine Führung für die interessierten Pilgerwanderer statt.Jakobsweg Meseta_14-1

Der nächste Morgen bringt einen langen Anstieg auf den nächstgelegenen „Tafelberg“. Oben gibt es wieder einen „Pilgerstopp“ mit Erfrischungen gegen „donativo“ (Spende) und einen wunderschönen Blick zurück über das Tal, wo ich hergekommen bin. Jakobsweg Meseta_15-5Nach einem kurzen Weg über die Hochebene geht es auf der anderen Seite wieder herunter und weiter durch die Sonnenglut.

Kurz vor einer großen Brücke mache ich Pause in der Herberge San Nicolas, in der für übernachtende Pilgergäste das Ritual der Fußwaschung praktiziert wird. Wenig später überquere ich den Grenzfluss zur Provinz Palencia.Jakobsweg Meseta_17-1Die Landschaft selber aber verändert sich zunächst noch nicht. Die letzten Kilometer ziehen sich endlos, bis ich am frühen Nachmittag Boadillo del Camino erreiche.

Tipp: Die Herberge meiner Wahl „En el Camino“ hat einen schön gestalteten Innenhof. Reges Leben herrscht dort, als ich eintreffe. Es ist eine der wenigen Herbergen, in denen man sich erst duschen und ausruhen darf, bevor man eincheckt und bezahlt. Die beiden jungen Spanier, die die Herberge betreiben, machen das mit viel Spaß und Witz und das überträgt sich auch auf die Übernachtungsgäste… Jakobsweg Meseta_19-1Ich mache noch ein Rundgang durchs Dorf und treffe am Dorfausgang eine Schafherde, die mit ihrem Hirten in den Stall zieht. Jakobsweg Meseta_20-1Später am Abend bekommen wir unheimlichen Besuch. Männer stehen plötzlich in der Rezeption, sprechen aufgeregt auf Spanisch mit den Hospitaleros. Sie zeigen ein Foto herum, darauf ist ein vierschrötiger Mann zu erkennen, der recht unsympathisch aussieht. Später erfahre ich, dass es zu tun hat mit dem plötzlichen Verschwinden einer japanisch-amerikanischen Pilgerin, die im Frühjahr nahe Astorga spurlos verschwunden war. Die Guardia Civil scheint eine konkrete Spur zu verfolgen…

Am nächsten Morgen ist es noch ganz dunkel, als ich loswandere. An einer markanten Abzweigung muss ich erst gründlich nach einer Wegmarkierung suchen und mein Handy befragen, bevor ich den richtigen Weg finde. Einige Kilometer führt der Pilgerweg am „Canal de Castilla“ entlang ─ stimmungsvolle Bilder entstehen dort – bis wir bei der großen Schleuse vor Fromista den Canal schon wieder verlassen müssen.Jakobsweg Meseta_22-2

Hinter Fromista betrete ich nun die „Pilgerautobahn“, wie es der Reiseführer nennt: ein breiter befestigter Fußweg, schnurgerade an der Straße entlang, mit Begrenzungssteinen immer im gleichen Abstand, öde und steril. „Pilgerautobahn“Was die Provinzregierung von Kastilien sicherlich gut gemeint sich ausgedacht hat, es gerät zur Qual, wenn man an dieser gleichförmigen Strecke Stunde um Stunde entlang wandern muss (knapp 17 km). Ein Glück, dass besagter Reiseführer eine Alternativroute vorschlägt, nämlich eine alte Wegführung. Sie ist zwar etwas länger und verläuft entlang eines Baches, eingefasst von hohen Bäumen. Wie gut, dass ich dort am späten Vormittag unterwegs bin – noch geben die hohen Bäume etwas Schatten. Zwei Stunden später würde man auch auf dieser Strecke in der prallen Sonne wandern.Jakobsweg Meseta_25-2

Tipp: Unbedingt die Alternativroute wählen entlang des Baches und des Rio Ucieza (der allerdings im Sommer im weiteren Wegverlauf austrocknet).

Von weitem kann ich meine armen Mitpilger sehen, wie sie sich über die glutheiße Landstraße quälen, während sich mein Weg entlang des kleinen Rio Ucieza entlangschlängelt. An einer kleinen Kirche aber ist dann Schluss mit diesem Weg und die letzten 6 km darf ich dann auch noch an der Straße entlangstapfen, bis ich den Ort mit dem wohlklingenden Namen Carrion de los Cóndes erreiche. Jakobsweg Meseta_25-8Die Herberge bei den „frommen Schwestern“ hat zwar einen sehr sterilen Innenhof, aber für uns müde Pilger etwas besonderes: ausnahmsweise schlafen wir in Einzel- , und nicht in Stockbetten! In dieser Herberge treffe ich einige Pilger wieder: junge Leute, die ich schon aus Navarra her kenne. Ich werde spontan zum gemeinsamen Abendessen eingeladen und übernehme dafür den Abwasch. Später am Abend gehe ich noch in den Ort, um mich etwas umzuschauen. Da wankt mir ein junges Pilgerpaar entgegen: 40 km sind sie an diesem Tag gewandert und brauchen jetzt ganz schnell und dringend eine Bleibe für die Nacht. Ich führe sie in meine Herberge. Die Schwestern schauen streng auf die verspäteten Wanderer, aber auch für sie findet sich noch ein Bett.

Der nächste Tag bietet eine ganz besondere Herausforderung: 18 km durch die weitgehend trockene Meseta, ohne Bar oder Brunnen. Das bedeutet: früh aufstehen, um diese Strecke möglichst vor der größten Mittagshitze hinter sich zu bringen. Die Bars im Ort öffnen bereits morgens um halb sieben und so bin ich um 7:00 Uhr schon unterwegs in stockdunkler Finsternis. Um diese Uhrzeit sind schon viele Pilger unterwegs, etliche mit Stirnlampen.

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Aber der Weg führt nur geradeaus auf einer kaum befahrenen Landstraße und geht dann in einen breiten befestigten Fahrweg über. Allmählich wird es heller und es bieten sich dem interessierten Wanderer vielerlei Gelegenheiten, sich an kleinen Einzelheiten zu erfreuen: eine einsame Pflanze, die liebevoll mit Steinen geschützt wird, ein einzelner Bachlauf, die unterschiedliche Braun-Färbung der umgepflügten Äcker.

Zwischendurch regnet es auch immer wieder mal. Aber meinen Billigponcho brauche ich nicht auszupacken. Es dauert seine Zeit, bis diese Strecke durchwandert ist und endlich die Kirche von Calzadilla de la Cueza zu sehen ist. Ich durchquere den langgestreckten Ort. Etwa in der Ortsmitte hat ein pfiffiger Ladenbesitzer Stühle raus auf die Straße gestellt, wo sich die erschöpften und durstigen Pilger niederlassen können.Jakobsweg Meseta_28Im nächsten Ort Ledigos suche ich die angegebene Pilgerherberge auf. Es ist eines der wenigen Male, dass ich einen Ort fluchtartig verlasse. Die Herberge gehört zu einer dunklen, muffigen Kneipe, die auf mich wenig einladend wirkt. So wandere ich lieber noch 4 km weiter durch die Mittagshitze nach Terradillos de los Templarios (deutsch: „die Felder der Templer“) in die Herberge „Jacques Molay“. Aber trotz der klangvollen Templer-Namen kann ich nirgends etwas Konkretes über den Orden entdecken.

Nach dem üblichen Waschen und Duschen mache ich mich auf, um den Ort noch etwas zu erkunden. Aber was ist das? Meine Sonnenbrille ist verschwunden! Ich suche überall, im Innenhof, frage im Restaurant und der bei Rezeption – die Sonnenbrille bleibt verschwunden, auch als ich am Abend noch einmal an den verschiedenen Tischen im Restaurant nachfrage. Ich bin recht deprimiert. Ein anderer deutscher Pilger hatte sie noch auf dem Zigarettenautomaten an der Rezeption liegen gesehen. Er tröstet mich und sagt: „Hier klaut niemand eine Sonnenbrille. Die findet sich sicherlich wieder an…“ Aber je länger der Abend dauert, desto mehr Zweifel bekomme ich an seiner Gewissheit. Wo kriege ich denn Ersatz her? In diesem kleinen Dorf sicher nicht. Zwar führt mich mein Weg morgen durch die Stadt Sahagún, aber morgen ist Sonntag. Muss ich deswegen einen Tag dort pausieren, nur um eine neue Sonnenbrille zu kaufen?

Am nächsten Morgen bin ich einer der letzten in der Herberge. Als ich fertig mit Packen und Frühstücken bin, gehe ich nochmal in die Küche. Ich komme mir selber schon richtig albern vor. Diesmal ist eine andere Frau in der Küche. Ich frage wieder nach der Brille. Die Küchenhilfe grinst, geht in die Küche und zieht unterm Tresen meine Brille hervor. Ich umarme sie und sie erklärt mir, wie sie die Brille gefunden hat: am morgen, bei Arbeitsbeginn, wollte sie sich am Zigarettenautomaten eine Packung ziehen und findet im Ausgabeschacht als erstes stattdessen meine Brille. Wenn ich an dem Morgen nicht nochmal ( zum 5. Mal) nachgefragt hätte, dann hätte ich das gute Stück nicht mehr bekommen… 

Auch wenn es keine große Angelegenheit war, so ich bin doch sehr froh, dass ich die Brille jetzt wieder habe und mache ich mich auf den Weg nach Sahagún. Kurz vor dem nächsten Dorf sehe ich rechts am Feldrand einen merkwürdigen Hügel,beim Näherkommen sieht man dann auch mehrere Eingänge. Wie ein Schild erläutert, sind dies keine Wohnungen der Hobbits, sondern sogenannte „bodegas“ ─ d.h. Lagerräume, vor allem für Wein und anderes Obst und Gemüse.  Jakobsweg Meseta_30-4Über den abgeernteten Feldern ziehen immer wieder dunklere Wolken auf und in einem nächsten Dorf warte ich mit einigen anderen Pilgern ein heftigen Schauer ab.Jakobsweg Meseta_30-12In Sahagún hole ich mir in einer Bar einen Kaffee, als ich plötzlich draußen auf dem Pflaster Geklapper höre: da kommen zwei Pilgerinnen vorbei ─ hoch zu Ross reitende Pilger, sogar mit einem Holzschwert an der Seite.

Hinter Sahagún wird das Wetter regnerisch und windig. Ein Pilgerpaar hinter mir hilft mir dabei, meinen leichten Poncho überzuziehen ─ jetzt lohnt es sich wirklich! Mit einer Hand trage ich die Trekkingstöcke, mit der anderen Hand muss ich den Poncho von unten festhalten, weil sonst der Wind dauernd darunter greift – das ist ganz schön anstrengend.

In Bercianos del Real Camino gibt es eine Herberge auf Spendenbasis in einem schönen alten Haus, das von freiwilligen Hospitaleros betrieben wird.  Jakobsweg Meseta_32-1Aber als ich ankomme, sind alle 24 Betten schon belegt. So bekomme ich eine Matratze zugeteilt und versuche mich, so gut es geht in dem engen Raum einzurichten. Später bemerke ich, dass alle Räume im Erdgeschoss mit Matratzen ausgelegt sind, sogar der Kapellenraum. Wir sollen am frühen Abend wieder in der Herberge sein, um das Abendessen mit vorzubereiten. So streife ich durch den Ort und finde in einer Dorfkneipe viele Männer vertieft beim Dominospiel.

Die Vorbereitungen zum Abendessen entfallen offensichtlich ob der schier überwältigenden Anzahl der Gäste, da machen sie lieber alles alleine. Endlich um halb neun abends werden wir in den großen Essraum geholt. Innerhalb kurzer Zeit haben die Hospitaleros statt für 24 nun für 50 Pilger ein Dreigänge-Menü zubereitet und ernten von allen einen herzlichen Dankesapplaus dafür.

Die Wegstrecke am nächsten Tag wird vom Reiseführer als „Marterstrecke“ bezeichnet. Nun ja, sie führt an einer wenig befahrenen Landstraße entlang, von Ferne rücken die Leóner Berge allmählich immer näher. Es ist windig, aber noch fällt kein Regen. Riesige Bewässerungsanlagen stehen auf den Feldern. Ein wasserloser Kanal kreuzt die Straße. In einiger Entfernung sieht man parallel eine gut ausgebaute elektrifizierte Eisenbahnlinie. Ich wandere stundenlang an dieser Strecke entlang. Ich sehe an diesem Werktag keinen einzigen Zug! Ist es das, was man eine „Dead-Line“ nennt ?Jakobsweg Meseta_35-2

Unterwegs treffe ich wieder Juan mit seinem Hund, Als ich mein Tagesziel Mansillas de las Mulas erreiche, sind am am Anfang der Stadt schon „Pilgerfänger“ unterwegs, die versuchen die erschöpften Pilger in ihre eigenen Herbergen zu locken. Einer verfolgt mich über mehrere Straßen, das wird mir richtig unangenehm. Es dauert eine ganze Weile, bis ich die städtische Herberge gefunden habe. Jakobsweg Meseta_36 Die Herbergswirtin spricht gut Englisch. Von ihr bekomme ich die Erklärung, warum der Fall der im Frühjahr verschwundenen Pilgerin in den vergangenen Tagen durch alle Nachrichten gegangen ist: der Täter aus der Nähe von Astorga ist gefasst worden. Eine aufmerksame Bankangestellte hatte im Frühjahr Verdacht geschöpft, als ein Spanier eine hohe Summe amerikanischer Dollarnoten umtauschen wollte. Durch langwierige Recherchen in den USA hatte sich herausgestellt, dass diese Dollarnoten der verschwundenen Pilgerin zuzuordnen waren.

Beim Gang durch die Stadt bekomme ich noch den Abschluss eines Straßenfestes für Kinder mit.

Meine Wetter-App auf meinem Handy sagt mir, dass in den nächsten Tagen mit Starkregen zu rechnen ist ─ spätestens ab morgen Mittag. Also beschließe ich morgens schon ganz früh aufzubrechen. Weil ich Pilger, die morgens um 5:00 Uhr mit ihren Rucksäcken rascheln und alle mit ihren Stirnlampen wecken, nur nervig finde, lege ich mein Gepäck im Flur bereit. Um 4:00 Uhr morgens tönt mein Handywecker unter meinem Kopfkissen. Leise schleiche aus dem Schlafraum, ziehe mich draussen im Flur an, packe unten in der Küche, ziehe mir einen Kaffee aus dem Automaten und gehe bei tiefschwarzer Dunkelheit um viertel nach fünf aus der Herberge. Der Weg führt an der Straße entlang, noch ist kaum Verkehr. Im nächsten Dorf treffe ich auf Miranda aus Neuseeland. Wir wandern zusammen weiter und vertreiben uns die Zeit, indem wir uns aus unserem Leben erzählen. Zwischendurch gibt es immer wieder mal leichten Regen, aber ich verzichte auf meinen leichten Poncho. Studentenwohnheim „Unamuno“Die Wegmarkierungen sind gut zu erkennen.  Durch die Dunkelheit bleibt uns der Anblick der hässlichen Leóner Industrievororte erspart.  Als es schon recht hell geworden ist, überqueren wir auf einer blauen Fußgängerbrücke die Autobahn nach León. Für die Pilger ist seitwärts in den Steilhang extra ein Fußweg gebaut worden parallel zur Straße, aber doch in erträglichem Abstand.

Um halb zehn erreichen wir die Leóner Innenstadt und setzen uns eine Bar, um ausführlich zu frühstücken. Dann trennen sich unsere Wege. Ich suche das Studentenwohnheim „Unamuno“ auf, direkt in der Innenstadt gelegen und bekomme noch ein Bett in einem Dreierzimmer. Mittags um 1:00 Uhr setzen starke Regenfälle ein ─ aber ich bin im Trockenen.

Hier geht’s weiter… Teil V: von León bis nach Astorga